Der Klotz als sinnvolle Entlastungsmöglichkeit Zurück
Sonderdruck aus
Milchpraxis 2/00
Verlag Th. Mann
Nordring 10
D-45894 Gelsenkirchen


LAHMHEITSBEHANDLUNG DER NEUEN GENERATION
DER KLOTZ ALS SINNVOLLE ENTLASTUNGSMÖGLICHKEIT

von Andrea Fiedler, München

Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung in der Landwirtschaft macht diese auch nicht vor den Toren der heutigen Milchviehställe halt. Bedingt durch die hohen Leistungsanforderungen an die Landwirtschaft steht die Wirtschaftlichkeit in der Nutztierhaltung inzwischen stets an erster Stelle. Nur eine gesunde Milchviehherde bringt eine optimale Leistung hinsichtlich Milchleistung und Fruchtbarkeit. Durch Herdenmanagement kann die Überwachung dieser Gesundheit optimiert werden.

Waren es in früheren Jahren vor allem Euterentzündungen und Fruchtbarkeitsprobleme, die die Wirtschaftlichkeit sowohl des Einzeltieres als auch der gesamten Herde in Frage stellten, sind in den letzten 25 Jahren die Gliedmaßenerkrankungen mit zur häufigsten Abgangsursache geworden (Distl, 1996).
Die harten und planen Stand- und Laufflächen fordern eine optimale Gliedmaßengesundheit von Hochleistungskühen - andernfalls bleiben die Tiere im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Im Gegensatz zu der vor einigen Jahrzehnten noch weit verbreiteten Weidehaltung verlässt ein Großteil der Kühe den Stall nicht mehr. Auf einem nachgiebigen Weidenuntergrund war der Klauenabrieb und die Belastung der Klauenpaare völlig anders, als dies eben auf den angesprochenen harten Stand- und Laufflächen der Fall ist. Diese geänderten Nutzungsansprüche haben zur Folge, dass sich die Klauenerkrankungen wesentlich stärker auf die Gesundheit der Tiere auswirken.

Wirtschaftliche Einbußen durch Klauenprobleme
Bereits geringgradige Probleme an den Klauen verursachen den betroffenen Kühen deutliche Schmerzen. Neben einer rasch absinkenden Milchleistugn ist es vor allem die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit, die die Wirtschaftlichkeit drastisch senken kann. Untersuchungen aus Großbritannien führen neben dem verminderten Milchertrag, dem Gewichtsverlust und dem eventuellen vorzeitigen Abgang vor allem eine geringere Fruchtbarkeit als Hauptproblem an (Greenough PR et al., 1997).




    Abbildung 1:
Unter dem Beugeknorren des Klauenbeins ist deutlich das Rusterholzsche Sohlengeschwür zu erkennen


Schmerzhafte Zustände an den Gliedmaßen führen zu vermehrtem Liegen und Bewegungsverlust. Eine Brunst kann so leicht übersehen werden. Der Landwirt benötigt mehr Zeit zur Brunstbeobachtung, die Zwischenkalbzeit verlängert sich und z.T. werden aus Unkenntnis der Ursache Hormonbehandlungen bei den "unfruchtbaren" Tieren durchgeführt. Eine regelmäßige alle 5-6 Monate durchgeführte Funktionelle Klauenpflege kann zahlreiche Klauenerkrankungen verhindern bzw. Erkrankungen aufdecken und der Behandlung zuführen. Zentraler Punkt aller Krankheiten, die Horndefekte betreffen, ist eine Entlastung der erkrankten Klaue.
Im Folgenden werden die wichtigsten Klauenleiden dargestellt, bei denen durch eine fachgerechte Entlastung der betroffenen Klaue bereits während der Heilung eine deutliche Verbesserung des Wohlbefindens der Kuh herbeigeführt werden kann.


1. Rusterholzsches Sohlengeschwür
Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten im Hornschuh einer Klaue drückt auf der Sohlenfläche am Übergang zwischen weichem und hartem Horn der sog. Beugeknorren des Klauenbeins mit jedem Schritt nach unten (siehe Abbildung). Dieser knöcherne Beugesehnen-Ansatz ist von der Natur mit einem Fettpolster unterpolstert. Sind die Klauen jedoch zu lang und zu hoch (das Gewicht liegt dann vermehrt auf den Ballen) und fehlt eine fachgerecht angelegte Hohlkehlung, wird der typische Druckpunkt vor allem an den hinteren Außenklauen überlastet. Durchblutungsprobleme der hornbildenden Lederhaut an dieser Stelle sind die Folge. Nachfolgend wird von der so geschädigten Lederhaut minderwertiges Horn gebildet, das herausbrechen kann.


    Abbildung 2:
Die Entlastung der erkrankten Klaue erfolgt hier durch Anbringen eines easy-Blocs an der Innenklaue


Jeder Schritt verstärkt den Druck auf die umgebende Sohlenfläche. Die entzündete, z.T. freiliegende Lederhaut wird herausgedrückt. Dieser sogenannte Lederhautvorfall kann breitflächig, aber auch gestielt hervortreten und verursacht dem Tier spätestens jetzt Schmerzen. Doch bereits geringgradige Formen des Rusterholzschen Sohlengeschwürs beeinträchtigen das Wohlbefinden ungemein.
Wird nicht umgehend gehandelt, nimmt der Schweregrad der Erkrankung unaufhaltsam zu und gipfelt in einem Durchbruch in die Tiefe - Sehne, Sesambein und Klauengelenk werden in Mitleidenschaft gezogen. Dann kann nur noch eine chirurgische Maßnahme helfen.

Entlastung der erkrankten Klaue schafft Abhilfe
Im Mittelpunkt der Behandlung eines Rusterholzschen Sohlengeschwürs steht die Entlastung der betroffenen Klaue. Bereits bei der fachgerecht durchgeführten Funktionellen Klauenpflege wird das "Geschwür" vorsichtig umschnitten, keinesfalls herausgeschnitten. Im Rahmen der anzulegenden Kehlung werden die Hornränder um den Defekt ausgedünnt, die umgebende Sohlenfläche und der Ballen werden so niedrig wie möglich geschnitten. Durch dieses Zurücknehmen an Sohlendicke soll beim Fußen des Klauenpares die tragfähige gesunde Klaue vorübergehend mehr Last übernehmen. Häufig ist bei einer fachgerechten Klauenpflege dieser entlastende Schnitt völlig ausreichend - die kranke Klaue "schwebt" beim Laufen.
Kann die erkrankte Klaue nicht ausreichend entlastet werden, ist das Anbringen eines Klotzes unter die gesunde - meist innere - Klaue möglich (Abbildung 3). Zuvor muss in jedem Fall geprüft werden, ob die so für einige Zeit überbelastete Klaue auch tragfähig ist. Am einfachsten geschieht dies mit Hilfe der sog. Hufzange, einer stumpfen Zange, mit der an verschiedenen Stellen mäßiger Druck auf die zu untersuchende Klaue ausgeübt wird (siehe Abbildung 3). Zeigt das Tier keinerlei Schmerzreaktion, kann ein Klotz eingesetzt werden, der zur optimalen Fußung mit der Klauenspitze nach vorne abschließt. Andernfalls wird ein unterpolsterter Verband auf die "gesündere" Klaue angebracht. So wird diese erhöht und übernimmt die Hauptlast.


    Abbildung 3:
Die Klaue wird vor Anbringen eines Klotzes auf Tragfähigkeit hin geprüft


Ist trotz der Entlastung des Rusterholzschen Sohlengeschwürs durch Klauenpflege, gegebenenfalls kombiniert mit einem Klotz, die Gefahr der Verletzung der freiliegenden Lederhaut gegeben, muss ein gut sitzender Verband angebracht werden. Folgende Punkte sind zu beachten: Keinesfalls darf durch den Verband die erkrankte Klaue wieder mit dem Boden in Berührung kommen - niemals darf somit ein Verband nur auf die erkrankte Klaue gewickelt werden. Stets muss ein Klotz zur Erhöhung der gesunden Klaue dienen oder die gesunde Klaue wird im Verband stärker unterpolstert. Ein Verband darf niemals länger als eine Woche an der Gliedmaße verbleiben - die Gefahr der Keimvermehrung im Verband, die Bildung von Druckstellen oder gar ein Einwachsen muss unbedingt vermieden werden.
Durch die frühzeitige Entlastung einer betroffenen Klaue kann das erkrankte Tier bereits während der Heilung wieder eine optimale Leistung bringen. Ein angebrachter Klotz muss jedoch während seiner gesamten "Nutzungsdauer" von maximal 4 Wochen (dann nach erneuter Klauenpflege, falls nötig, einen neuen Klotz kleben) eine ausreichende Entlastung gewährleisten. Die handelsüblichen Holzklötze, die sich naturgemäß relativ rasch abreiben, bieten durch ihre Höhe eine gewisse Sicherheit. Deshalb ist es in keinem Fall sinnvoll, die Klötze entlang der eingefrästen Nut zu halbieren. Diese Vertiefung ist vor allem dazu gedacht, dem Kleber eine mechanische Verankerung zu bieten, damit die Holzklötzchen sicher und fest fixiert werden können.
Die Firma Demotec bietet für besondere Fälle eine Reihe von Holzklötzen in Sondergrößen an. Größere, längere Klötze bieten vor allem bei der Behandlung von schweren Kühen oder Bullen mit großen Klauen eine gute Alternative (der Klotz sollte stets etwas über den Ballen nach hinten herausragen). Höhere Klötze ermöglichen eine stärkere Entlastung und keilförmige Klötze unterstützen die Klauenbehandlung bei sehr niedrigen Trachten.
In diesem Zusammenhang muss, wie bei den "normalen" Holzklötzen auch, natürlich die vorübergehende Überbelastung der erhöhten Klaue und auch der gegenüberliegenden Gliedmaße "klauengepflegt" werden! Kleber der neuen "Generation 95" erleichtern das Ankleben der Klötzchen. Der Kleber hat direkt nach dem Anmischen eine kuchenteigartige Konsistenz und lässt sich schnell und ohne an den Fingern zu kleben modellieren.


   
 
   
 
Abbildung 4-7:
Die Klaue wird fachgerecht gepflegt und etwas aufgeraut. Der Kleber wird in den vorderen 2/3 der Klaue aufgetragen, der Sitz des Klotzes an der Klauenspitze überprüft. Der Klotz muss frei über dem weichen Ballen schweben. Dies ist auch beim Kunststoffschuh zu beachten


Kunststoff-Schuhe als Alternative
Neben den Holzklötzen sind auch Gummiklötze und Kunststoff-Schuhe im Handel. Auch hier hat sich die Firma Demotec etwas Besonderes einfallen lassen. Die neueste Generation ihrer Kunststoff-Schuhe birgt mehrere Vorteile. Im Gegensatz zu anderen Schuhen, die nach dem Aufkleben auf die gesunden Klauen diese stark verlängern und somit das Tier zwingen, die Gliedmaße wieder am Druckpunkt zu belasten, erscheint der Klotz am Easy Bloc der Firma Demotec nach hinten versetzt. Das erleichtert das ergonomisch richtige Ankleben.
Nach Anbringen des ausreichend großen Schuhs an der Klaue füllt der Kleber den verbleibenden Hohlraum an der Schuhspitze aus und die Klotzspitze schließt mit der Klauenspitze ab. Dies ist auch an der freibleibenden Klaue überprüfbar sowie nötigenfalls korrigierbar.
Die Klebemasse kann direkt im Schuh angerührt werden und während der Aushärtung kann der Schuh leichter als ein reiner Klotz auch bei unruhigen Tieren mit der Hand fixiert werden. Durch die Verwendung abriebfester Kunststoffe und einer stabilen Sohlenfläche ist die Abnutzung des Easy Blocs minimal.
Auch die Entfernung des neuartigen Klotzes ist bei einem Einsatz der Klauenzange relativ einfach. Da das Oberteil des Schuhs nur aus einer dünnen Kunststoffhülle besteht, kann er mit einer Klauenzange leicht entfernt werden.


    Ein Klotz, der nicht mit der Klauenspitze abschließt, belastet den Druckpunkt durch erzwungenes Unterstellen der Gliedmaße


2. White-line Disease
Neben dem Rusterholzschen Sohlengeschwür, das nach eigenen Untersuchungen (1998) im Laufstall 9 % der Tiere betrifft, in der Anbindehaltung bei über 17 % der Kühe auftritt, stellt die sogenannte, "white-line disease" mit 17,5 % im Laufstall und 9,5 % in der Anbindehaltung einen weiteren schwerwiegenden Faktor in der Klauengesundheit dar.
Diese "white-line disease", also eine Erkrankung der weißen Linie, ist durch eine "Geschwür"-Bildung entlang der weißen Linie charakterisiert. Im Bereich der seitlichen Klauenwand fallen auf der Sohle zuerst kleine, dunkle, rissartige Verfärbungen an der weißen Linie auf. Bei einer fachgerechten Funktionellen Klauenpflege werden diese Defekte durch Entlastungsschnitte entfernt.
Häufig finden sich hier bereits tiefgreifende Prozesse, die die Lederhaut entlang der Wand Richtung Kronsaum betreffen. Die Lederhaut erscheint dunkel verfärbt, umfangsvermehrt und das umgebende Horn, evtl. bis zum Kronsaum und z.T. auch an der Sohle, ist unterminiert. Der Ursprung dieser Erkrankung wird in der sog. subklinischen (dauerhaft unterschwelligen) Klauenrehe gesehen. Dabei handelt es sich im weitesten Sinne um eine Durchblutungsstörung, häufig ausgelöst durch gefäßaktive Giftstoffe. Diese "Giftstoffe" zirkulieren z.B. bei Pansenentzündungen (Übersäuerung!) oder anderen chronischen Entzündungen im Körper und schädigen die Klauenlederhaut schwer. Daneben können Bodenerhebungen (kleine Stufen, hervorstehnde Muttern in den Liegeboxen usw.) die Wand zum Ausbrechen bringen.
Eine fachgerechte Entlastung durch Umschneiden der erkrankten Lederhaut und Ausdünnen der Ränder, der Sohlenfläche und des Ballens ermöglicht auch hier bei rechtzeitigem Eingreifen eine rasche Heilung. Unter den bereits genannten Voraussetzungen kann das Anbringen eines Klotzes die Entlastung ergänzen. Die Heilung erfolgt, während das Tier bereits wieder voll leistungsfähig ist.
Wird auch hier frühzeitig entlastend eingegriffen, kann das Ausmaß des Wanddefektes, der häufig die ganze Seitenwand umfasst, eingedämmt werden. Andernfalls ist mit einer langwierigen Heilungsdauer zu rechnen, zumal unbedingt die Ursache der "white-line disease" behoben werden muss. Wird die Lederhaut weiterhin dauherhaft geschädigt, verzögert sich natürlich auch die Heilung. Somit ist jede Form von "Geschwür", sei es an der Sohlenfläche oder entlang der Klauenwand, durch eine fachgerechte Entlastung der Heilung zuzuführen. Daneben können natürlich auch - bei Ballenhornfäule recht häufig - umfangsvermehrte, entzündete Außenballen durch eine Entlastung abheilen - ein Klotz auf der gesunden inneren Klaue schafft Abhilfe. Auch eine sogenannte "doppelte Sohle", die nach ihrer stets nötigen vollständigen Entfernung die Sohlenfläche weich und verletzungsgefährdet zurücklässt, kann durch Entlastung abheilen. Auch die doppelte Sohle entsteht durch Durchblutungsstörung - die Lederhaut stellt vorübergehend die Hornproduktin ein, es entsteht ein Hohlraum.
Neben der stets notwendigen, fachgerecht durchgeführten Funktionellen Klauenpflege, kombiniert mit einem Entlastungsschnitt, kann der Einsatz von Klötzen die Wirtschatlichkeit der betroffenen Tiere in kürzester Zeit wieder herstellen.

Anschrift der Autorin:
Dr. Andrea Fiedler
Mangstr. 10b
D-80997 München


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